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Administrative Entlastung in Psychiatrie und Psychotherapie: ein Leitfaden für Geschäftsleitungen

  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit


Administrative Entlastung ist kein Nebenprojekt


Die Nachfrage nach psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung in der Schweiz ist hoch und nimmt weiter zu. Im Jahr 2022 berichteten 18 Prozent der Bevölkerung von einer mittleren bis hohen psychischen Belastung – ein Anstieg um 3 Prozentpunkte gegenüber 2017. Diese Entwicklung zeigt sich auch in einer wachsenden Nachfrage nach psychotherapeutischer Unterstützung [1] [2] . Aktuelle Daten bestätigen zudem eine steigende Inanspruchnahme entsprechender Leistungen sowie einen anhaltend hohen Druck auf die Versorgungssysteme [3].


Da die klinischen Kapazitäten vielerorts nicht im gleichen Tempo wachsen, stehen Geschäftsleitungen von Leistungserbringern im Bereich der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung vor einer zentralen Herausforderung:


Wie lässt sich mehr wirksame Versorgung erbringen, ohne die Belastung der Behandelnden weiter zu erhöhen? Die Antwort liegt nicht allein im Ausbau personeller Ressourcen, sondern vor allem in der effizienteren Nutzung klinischer Zeit.



Der Engpass liegt in der administrativen Arbeit


Der Engpass wird häufig als Fachkräftemangel beschrieben. Das greift zu kurz. Die Schweiz verfügt im internationalen Vergleich über eine hohe Psychiaterdichte [4]. Dennoch bleibt die direkte klinische Zeit knapp — nicht wegen fehlender Fachpersonen, sondern weil Dokumentation, Koordination und Nachbearbeitung zu viel Arbeitszeit binden.


Die FMH-Erhebung von November 2024 zeigt das deutlich: Psychiaterinnen und Psychiater wenden durchschnittlich 100 Minuten pro Tag für Dokumentation auf. 62 Prozent geben an, häufig oder meistens unter Stress zu leiden [5]. Gerade in der Psychiatrie ist dieses Problem besonders ausgeprägt: Die klinische Arbeit basiert auf Gesprächen und Beurteilung. Symptomatik, Risiko, Therapieziele und Behandlungsentscheide müssen nachvollziehbar dokumentiert werden, damit Teams, Zuweisende und Versicherer damit arbeiten können [6].




Warum administrative Entlastung ein strategisches Thema ist


Wo klinische Zeit knapp ist, wird jede zurückgewonnene Minute relevant — für Zugangskapazität, Teamstabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Administrative Entlastung ist deshalb kein Nebenprojekt der Digitalisierung, sondern ein Hebel für operative Leistungsfähigkeit.


KI entfaltet ihren grössten Nutzen dort, wo sie die strukturierte Erfassung und Verarbeitung von Informationen unterstützt und dadurch spürbar entlastet. Das Ziel ist nicht Vollautomatisierung, sondern kontrollierte Entlastung: KI übernimmt Erfassung, Strukturierung und Vorarbeit. Die Fachperson prüft, ergänzt und verantwortet.



Evidenz zu KI-gestützten Produktivitätslösungen


Die Evidenz zu KI-gestützten Dokumentationslösungen ist in den letzten 18 Monaten deutlich breiter geworden — mit ersten Ergebnissen auch für die psychiatrische Versorgung.


Eine Studie im JAMA Network Open mit 1’430 Ärztinnen und Ärzten zeigte, dass Ambient-Dokumentationstechnologie mit weniger Burnout und besserem Wohlbefinden assoziiert war [7]. Eine qualitative Studie in JAMA bestätigte positive Effekte, zeigte aber auch Grenzen: Überarbeitungsaufwand, stilistische Anpassung und Einpassung in bestehende Abläufe bleiben relevant [9].


Besonders relevant: Eine 2026 in JMIR Formative Research publizierte Studie zeigte hohe Akzeptanz bei Fachpersonen im Bereich psychische Gesundheit — 97,7 Prozent positive Qualitätsbewertungen bei Festangestellten, 98,4 Prozent bei Externen [8].


Die Fachliteratur betont zugleich die Grenzen: Fachliche Prüfung bleibt notwendig, Datenschutz, Bias-Risiken und transparente Review-Prozesse müssen aktiv gesteuert werden [6] [10].




Wirtschaftlicher Nutzen — Ein konkretes Beispiel aus der Schweiz


Ein konkretes Beispiel aus der Schweizer Praxis verdeutlicht, wie sich durch KI-gestützte Produktivitätslösungen messbare Zeitgewinne und betriebswirtschaftlicher Nutzen erzielen lassen.



Der wirtschaftliche Nutzen liegt nicht in vollständiger Automatisierung, sondern in tatsächlich gewonnener Zeit. Wenn bereits 100 Minuten pro Tag für Dokumentation gebunden werden, reicht eine teilweise, aber verlässlich erreichte Entlastung, um spürbar Zeit zurückzugewinnen. Studien deuten zudem darauf hin, dass sinkende administrative Last auch die Interaktionsqualität verbessern und die wahrgenommene Arbeitsbelastung reduzieren kann [11].


Aus Sicht der Geschäftsleitung sollte diese Zeit nicht in eine dichtere Terminplanung fliessen, sondern zunächst in drei Ziele: rascherer Abschluss offener Dokumentation, weniger Arbeit ausserhalb der Regelzeiten und mehr planbare Behandlungskapazität.


Woran eine gute Einführung zu erkennen ist


Ob eine KI-Lösung Wirkung entfaltet, entscheidet sich an der Qualität der Einführung. Das Vorhaben sollte deshalb nicht als IT-Pilotprojekt aufgesetzt werden, sondern als Einführungsprogramm mit klarer Führung, Governance und Wirkungsmessung.

In den ersten 90 Tagen sollten Kennzahlen regelmässig beobachtet werden:


•       Anteil tagesgleich abgeschlossener Dokumentation

•       Durchschnittliche Nachbearbeitungszeit pro Fall

•       Dokumentationsaufwand ausserhalb der regulären Arbeitszeit

•       Nutzungsrate im Team

•       Korrekturaufwand pro Notiz

•       Wahrgenommene Entlastung der Behandelnden

 

Ebenso wichtig: klare Review-Verantwortung, definierte Anwendungsfälle, transparente Patienteninformation, verlässliche Datenschutzarchitektur, Einbettung in bestehende Systeme und ein Rollout, der nach Berufsgruppen differenziert. Psychiaterinnen, psychologische Psychotherapeutinnen und interprofessionelle Teams dokumentieren nicht identisch. Wer alle gleichbehandelt, erhöht den Widerstand. Wer entlang realer Arbeitsprozesse einführt, erhöht die Akzeptanz.





Eine nüchterne Führungsentscheidung


Die Nachfrage bleibt hoch, Rekrutierung allein wird den Druck vielerorts nicht lösen. Für Geschäftsleitungen wird deshalb zentral, wie knappe klinische Zeit besser geschützt und genutzt werden kann.


Administrative Entlastung ist dabei kein Nebenprojekt, sondern ein Hebel für Kapazität, Teamstabilität und operative Leistungsfähigkeit. KI ist dann relevant, wenn sie administrative Prozesse messbar entlastet — nicht, wenn sie klinische Verantwortung ersetzen soll.


Eine Lösung wie Isaac ist in diesem Kontext dann relevant, wenn sie dazu messbar beiträgt. Die bisherigen Daten — aus einer publizierten Studie am Universitätsspital Zürich [11], aus dem laufenden Einsatz bei über 110 Fachpersonen bei WePractice und aus der internationalen Fachliteratur — liefern dafür erste belastbare Hinweise.

 

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Fussnoten / Referenzen 

[1] Bundesamt für Statistik (BFS). Schweizerische Gesundheitsbefragung 2022.

[2] Bundesamt für Gesundheit (BAG). Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022.

[3] Bill M, Fischer B. Monitoring zur Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. BAG; 2024.

[4] Jäggi J, Künzi K, et al. Vergleich der Tätigkeiten von Psychiaterinnen und Psychiatern. BAG; 2017.

[5] Golder L, Jans C, Schäfer S. Ärzteberuf droht an Attraktivität zu verlieren. gfs.bern / FMH; 2024.

[6] Buckley P. Artificial Intelligence Scribes in Psychiatry. Focus. 2025;23(1).

[7] You JG et al. Ambient Documentation Technology in Clinician Experience. JAMA Network Open. 2025.

[8] McCrudden KE et al. AI-Powered Documentation for Mental Health Providers. JMIR Formative Research. 2026.

[9] Shah SJ et al. Physician Perspectives on Ambient AI Scribes. JAMA Network Open. 2025.

[10] Sun QW et al. Charting the ethical landscape of generative AI-augmented clinical documentation. J Med Ethics. 2025.

[11] Rahrisch A et al. Generative AI in preanesthetic consultations. J Clinical Anesthesia. 2026.

 

 
 
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